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Sesenheimer Liebeslyrik

Florian Russi

Während seines Studiums in Straßburg lernte Johann Wolfgang von Goethe die Sesenheimer Pfarrerstochter Friederike Brion kennen. Die beiden verliebten sich ineinander und Goethe wurde durch Friederike zu wundervollen Gedichten angeregt.

Einige von ihnen (Heideröslein, Mailied, Willkommen und Abschied u. a.) zählen zu seinen besten und beliebtesten überhaupt. In diesem Heft sind sie vorgestellt und mit Bildern und Erläuterungen angereichert.

Eggert Gustavs

Familienfotos retteten ein Künstlerleben

Wenn sich die folgende Geschichte einer zweifachen Lebensrettung nicht tatsächlich genau so zugetragen hätte, dann müsste man sie glattweg erfinden. Im Frühjahr 1945 an der Ostfront:

„Bei einer Erkundung zu fünft gerieten wir unter Beschuss von Granatwerfern. Ich bekam eine ganze Ladung kleiner Splitter ab, vor allem in die Hand, in den Hals und durch die Wange in den Mund. Unwillkürlich riss ich die Arme hoch, drehte mich einmal um mich selbst und fiel ohnmächtig mit dem Gesicht in den Morast. So daliegend wäre ich unweigerlich erstickt, hätte mich nicht im allerletzten Moment jemand gepackt und mein Gesicht hochgezogen. Schon vorher hatte mir ein Packen Familienfotos in meiner Brusttasche das Leben gerettet. Nach Tagen erst entdeckte ich den Granatsplitter, der zwischen den Fotos stecken geblieben war und der unweigerlich mein Herz getroffen hätte."

So wie in diesem Bericht über seinen kurzen und folgenschweren Fronteinsatz lässt der Hiddenseer Künstler EGGERT GUSTAVS (1909 - 1996) in seinen autobiografischen Notizen den interessierten Leser an persönlichsten Erlebnissen und Erfahrungen aus seinem Leben Anteil nehmen.

Als drittes von vier Kindern des Inselpastors und Altorientalisten Lic. Arnold Gustavs war Eggert Gustavs mit seinen Geschwistern in einem weltoffenen, den Künsten und der Wissenschaft gleichermaßen aufgeschlossenen Lebensraum herangewachsen. Er verlebte unbeschwerte, glückliche Kinderjahre in einer harmonischen Familienatmosphäre. „Ich habe sie im Gedächtnis als ungebunden, frei - kurz gesagt 'paradiesisch'. Mit 5 Jahren kam ich praktisch schon zur Schule. Ich lief einfach meinen älteren Geschwistern hinterher, weil mir die Spielgefährten fehlten. Lehrer Berg ließ mich gewähren, und so wurde ich ganz links in der ersten Reihe 'geduldet'. Die Nachmittage verbrachten wir Jungs sehr häufig entweder im Rinderstall oder im Pferdestall; oftmals waren wir auf dem Rücken eines Pferdes unterwegs zu den Feldern hinter Grieben, oder wir verbrachten die Zeit auf der Weide beim Rinderhüten."

Seinen wachen, nach immer neuen Entdeckungen strebenden Geist sieht er im Nachhinein als Schlüssel zu seinem Werdegang: „Künstler und bedeutende Persönlichkeiten zog es viele nach Hiddensee. Sie gaben dem Sommerleben eine Atmosphäre, die mich fesselte. Als besonders beeindruckend bleibt die Freundschaft des Vaters mit Gerhart Hauptmann, die auch auf uns abfärbte. Otto Gebühr, den berühmten Fridericus Rex - Darsteller, kannte ich persönlich. Auch Willi Jaeckel, Elsa Wagner, Asta Nielsen, Joachim Ringelnatz, Ernst Toller, Judith Auer lernte ich kennen. Und Karla Friedel, die mich 1932 mit Hingabe und tadellosem Resultat modellierte und die ja auch eine bekannte Gerhart-Hauptmann-Büste geschaffen hat. Alle diese Menschen haben mein Leben bereichert und meine allgemeine Bildung gefördert, denn ich war überall mit wachen Sinnen dabei. In großen Zügen ist da wohl der Keim zu suchen zum Berufswunsch und Werdegang."

Der Traum, Architekt zu werden, zog den jungen Gustavs nach Hamburg. Doch schon bald fühlte er sich dort stilistisch gegängelt, fürchtete um seine Freiheit, seine eigene Handschrift. In Berlin auf dem Bauhaus traf er Wassily Kandinsky, fand neue Inspirationen und entschied sich schließlich, seinen Weg allein weiterzugehen - als freischaffender Künstler: „Das war für mich der Moment der Entscheidung, mich selbst weiterzubilden. Ich wagte den Sprung in den freien Beruf wie einen Sprung ins kalte Wasser."

Eggert Gustavs besaß ein ausgeprägtes visuelles Gedächtnis und die Begabung, Typisches mit knappen künstlerischen Mitteln festzuhalten. Nach eigener Aussage reizten ihn das „Gesicht der Landschaft" und die „Landschaft des Gesichtes" gleichermaßen. Hunderte Menschen hat er porträtiert. Er schuf viele, oft eigenwillige, doch ungemein treffende Bildnisse. Von Gerhart Hauptmann, den er ja aus seinen Jugendjahren persönlich gut kannte, gestaltete er eine ganze Serie von Porträtstudien und einen eindrucksvollen Holzschnitt.

„Als damals junger Mann beteiligte ich mich zwar weniger an den geistvollen Gesprächen", erzählte der Künstler, „hatte dafür umso mehr Gelegenheit, intensiv zu beobachten. Das tat ich mit großer Spannung, wobei mich der verbindliche und liebenswürdige Gerhart Hauptmann weniger packte als sein durch angeregtes Gespräch und hochfliegende Gedanken geprägter Gesichtsausdruck."

 

Der Maler und Grafiker, Holzschneider und Zeichner, Fotograf und Wortakrobat Gustavs war ein Hiddenseer Künstler im wahrsten Sinne des Wortes. Zeitlebens war sein Schaffen durch die Liebe zu seiner Heimat geprägt. Nur wenige haben die Insel in solch einer Vielfalt der Motive und Stimmungen, in ihrer herben Schönheit und versteckten Lieblichkeit mit so sicherer Meisterschaft und hohem Ausdrucksvermögen erfasst und mit unterschiedlichsten Techniken dargestellt!

Wenn auch das Aquarell und der Holzschnitt seine wichtigsten Ausdrucksmittel waren, so beeindruckt immer wieder die Vielseitigkeit des Künstlers - die Spannweite vom zartesten Aquarell, von der bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Bleistiftzeichnung über sensible Druckgrafik bis hin zum scharfen, kraftvoll gestalteten Linol- oder Holzschnitt.

Während seiner gesamten künstlerischen Laufbahn hat sich Eggert Gustavs nie einer akademischen Auffassung, einer Schule oder Stilrichtung untergeordnet. Der bekennende Autodidakt ließ sich von anderen nicht viel dreinreden, wenn es um seine Arbeit, um seinen künstlerischen Weg ging.

Wache, gütige Augen, wallender Vollbart, Schlapphut und Cordhose, Seeigel als Ring gefasst - so ist Eggert Gustavs den vielen Gästen in Erinnerung geblieben, die ihn in seiner Künstlerklause in Kloster auf Hiddensee besucht haben. Sie schätzten ihn als eifrigen, fantasievollen, in seiner Kreativität nie nachlassenden Künstler, als humorvollen charismatischen Menschen und Erzähler.

Seine Familie hat das Lebenswerk des Künstlers anlässlich des 100. Geburtstages mit der Herausgabe des Buches „Eggert Gustavs - Leben und Werk eines Hiddenseer Künstlers" gewürdigt.

Der Kunstband enthält auf 110 Seiten neben den schönsten Zeichnungen, Aquarellen, Holz- und Linolschnitten eine ausführliche Biografie. Auch Ölmalerei, Pastell, Lithografie und Glasdruck - Techniken, die Gustavs seltener verwendete - sind vertreten. Darüber hinaus zeigen Schnitzereien, Schmuckstücke, Gebrauchsgrafik und Fotografien seine Vielseitigkeit - und nicht zuletzt auch eine Reihe von Fabeln, Aphorismen und hintersinnigen Wortspielen, die er mit Lebensweisheit und Humor verfasst hat.

In Neuruppin, dem Geburtsort seiner Frau, der Tänzerin und Tanzpädagogin Irene Tourneau-Gustavs, wurde Anfang des Jahres 2009 eine - alle Facetten seines Schaffens umfassende - Werkschau mit ca. 150 Exponaten des Künstlers gezeigt. Eine weitere repräsentative Ausstellung, deren Schirmherrschaft Erwin Sellering, der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, übernommen hatte, war während des Sommerhalbjahres 2009 unter dem Titel „Eggert Gustavs zum 100. Geburtstag" im Heimatmuseum der Insel Hiddensee zu sehen.

Weitere Informationen unter http://www.eggert-gustavs.de

Karsten Gustavs