Mecklenburg Vorpommern Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.meck-pomm-lese.de

Weiterempfehlen

Trägerwerk-Skizzen

Wunderschöne Ansichten von 24 Einrichtungen der Trägerwerke für Soziale Dienste  - gezeichnet von Gerhard Klein

(2011, erschienen im Bertuch Verlag).

Die Uralte

Die Uralte

Ludwig Bechstein

 

            Das 38,5 m hohe Gewölbe

 

Eine Frau aus dem Westen Mecklenburg Vorpommerns lebte nur wenige Kilometer von der Stadt Lübeck entfernt. Sie aß und trank sehr gern, weshalb sie sich wünschte ewig zu Leben. Doch erwähnte sie in ihrem Wunsch nach ewigem Leben nicht die Jugend des menschlichen Körpers. Schließlich verfiel ihr Körper immer mehr dem Alter, doch starb sie nicht. Dieser Sage nach befindet sich die ururalte Frau immer noch in der Lübecker Frauenkirche und ist inzwischen so alt und klein geworden, dass sie nur noch so groß wie eine Maus ist.  Tatsächlich ist in der Lübecker Marienkirche an einer Wand eine kleine steinerne Maus zusehen. Die Leute erzählen, wer diese Maus berührt, bekommt großes Glück. Ob es sich dabei um dieselbe Maus handelt?  

Zu jener Zeit, als das Wünschen noch etwas half, denn heutzutage hilft es wunderwenig mehr, war auch dazumal schon der Wünsche Erfüllung nicht alle Wege heilsam, da lebte zu Lübeck eine Frau, die war frisch und munter, gesund und stark, sie aß und trank sehr gern und hatte alles was ihr Herz begehrte. Und weil es nun also mit ihr stand, so gefiel es ihr auf der Welt ausnehmend wohl. Sie wünschte sich nie zu sterben, sondern ewig zu leben, nicht aber in einem ewigen seligen Leben, wie andere fromme Christen wünschen und hoffen, sondern bei gutem Essen und Trinken. Und weil damals mit Wünschen noch etwas anzufangen war, so wurde jener Frau der Wunsch erfüllt und sie lebte immer darauf los und war gar eine lustige Alte.
Sie hatte aber doch etwas beim Wünschen vergessen, nämlich des Körpers Rüstigkeit mit einzubeziehen. Nun tat es ihr einhundert Jahre leidlich gut, aber als sie die hundert Jahre aufgeladen hatte, da drückten diese doch gar sehr, so dass die Alte zusammenkroch, mehr und mehr.
Sie konnte erst nicht mehr gehen, dann nicht mehr stehen und hernach auch nicht mehr selbst essen und trinken, und sterben konnte sie auch nicht. Die Menschen mussten sie füttern und wie ein kleines Kind heben und tragen. Das war aber noch nicht genug; sie schrumpfte immer mehr und mehr zusammen und trank und aß zuletzt gar nichts mehr. Endlich vermochte sie sich nur noch dann und wann ein wenig zu regen. Da meinten die Leute, es wäre am besten, wenn sie ihnen untern Füßen wegkäme, weil aber doch noch Leben in ihr war, so taten sie die kleine zusammen geschrumpelte Alte unter ein Glas und hingen sie in der Kirche auf. Da hängt sie nun noch immer in der Lübecker Marienkirche, ist so groß wie eine Maus und bewegt sich nur alle Jahre einmal.

 

aus dem Buch: Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Leipzig 1930

bearbeitet von Andreas Werner

Bildquelle:

Marienkirche, Wikipedia,  Mylius

Das 38,5 m hohe Gewölbe, Wikipedia, Arnoldius