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"Wir werden sterben. Wollen wir darüber reden?
Heft 3/2012 - mit Sonderteil zur ARD Themenwoche ""Leben mit dem Tod"" 17.-23. November 2012

Aus dem Inhalt:
Zwischen Paradies und Nirwana. Stephan Schlensog über die Antworten der Weltreligionen auf die Grundfragen des Lebens.

Im Sterben Leben geben. Der Regisseur Christoph Schlingensief lebt in seinem afrikanischen Operndorf weiter. "

Hermann Löns

Hermann Löns

Anette Huber-Kemmesies

Hermann Löns, geboren am 29.08.1866 in Culm bei Bromberg, gilt gemeinhin als Heidedichter. Seine Persönlichkeit an sich kann mit den Attributen eines Lebemanns, eines Genussmenschen und zum Teil auch mit denen eines Rumtreibers beschrieben werden. - Ein Lebemann war er, weil er sich vielen Ehen hingab, ja sogar einmal eine Menage a trois anstrebte (ohne Erfolg). Ein Genussmensch war Löns, weil er die Natur in ihrer Vielfältigkeit genoss, genauso wie den Alkohol. Und ein Rumtreiber war Löns, weil er ab 1911 mehr als ein Jahr lang durch Europa irrte. Und über seinen Tod hinaus lange keine Ruhe fand. Neben deutschen Städten wie Wiesbaden, Berlin, Münster und Wesel, hielt sich Löns auch in Innsbruck und Zürich auf; mehrmals wurden die vermeintlichen Überreste in Frankreich und Deutschland beigesetzt.


Die Biografie des Heimatdichters liest sich wie ein ständiges Auf und Ab. Rastlosigkeit und die ständige Suche scheinen seinen Lebensweg gezeichnet zu haben. Wahre Ruhe und Innerlichkeit scheint Löns nur in der Natur gefunden zu haben. Und das Medizinstudium an der Universität Greifswald nach seinem Abitur, das er 1887 ablegte, sollte maßgeblich dazu beitragen. Denn hier konnte er die weitläufigen Naturschönheiten der Umgebung kennenlernen. Gedichte wie „Am Greifswalder Bodden", „Das Fischerdorf Wiek" oder „Eldena" sprechen von der Macht der Natur und der Erhabenheit dieser Macht, die Löns in seinen Gedichten zum Ausdruck bringt - und die ihn so sehr begeistert, dass sie wie ein Traum auf ihn wirkt. In der Natur, so scheint es, hat Löns seine wahre Lebensgefährtin gefunden.


Doch gibt es auch eine andere, umstrittene Seite des Dichters, Schriftstellers und Malers (er fertigte Skizzen zu seinen Naturbeobachtungen an) Hermann Löns. Zunächst war er während des Studiums in Greifswald Mitglied der pflichtschlagenden und farbentagenden Studentenverbindung „Turnerschaft Cimbria". Dies muss nicht unbedingt als Zeichen der Verbreitung nationalsozialistischer Gesinnung gedeutet werden, doch waren und sind diese Verbindungen dahingehend umstritten. Des Weiteren wird ihm die antisemitische Haltung, die Löns oft offen äußerte, vorgeworfen. So wird seine Hingabe zur Natur nicht auf ihn als Naturfreund gedeutet, sondern eher als Vaterlandsliebe und Motiv des Rassenschutzes. Außerdem wurde Löns‘ Werk von den Nationalsozialisten im Dritten Reich zu Propagandazwecken gebraucht und missbraucht.


Ob die Haltung eines Kindes seiner Zeit so gedeutet werden soll und darf, ist ein schier unerschöpfliches Thema. Eines ist klar: Löns Rastlosigkeit und Ambivalenz spiegelt sich in der Rezeption wider. Und auch über seinen Tod (1914) hinaus blieben die sterblichen Überreste rastlos. Denn über den Verbleib seiner sterblichen Überreste ist man ratlos. Mehrere Vermutungen werden aber laut. So soll Löns irgendwo in Frankreich begraben worden sein. Löns fiel hier einen Monat nach seiner Meldung als Kriegsfreiwilliger. Durch eine Skizze des Kompaniechefs, die an die Hinterbliebenen versendet wurde, konnte Löns‘ vermeintliches Grab in Frankreich ausgemacht werden. Von hier wurden die ausgegrabenen Gebeine auf einen Militärfriedhof gebracht und beigesetzt. Später dann wurden die Überreste in einem Massengrab beigesetzt.


Einer anderen Quelle zufolge soll ein Bauer die Gebeine bei Pflügen seines Feldes gefunden haben. Eine Erkennungsmarke, die jedoch nicht einwandfrei Löns zugeordnet werden konnte, wurde gefunden und ein Grab für Löns in Loivre errichtet.


Als Adolf Hitler von den gefundenen Gebeinen und der angeblichen Erkennungsmarke des Dichters hörte, ließ er das Grab 1934 exhumieren und den Sarg nach Deutschland bringen. Auch hier gab es mehrere peinliche Unklarheiten über den künftigen Bestattungsort. Höhere Parteifunktionäre, ja Hitler selbst waren an der Sache beteiligt, sodass die Debatte um den Beisetzungsort fast zu einem Staatsakt ausartete. SA-Angehörige entführten den Sarg, setzen ihn an einem Wacholderhain bei, woraufhin die Reichswehr ihn ein Jahr später ausgrub um Löns Überreste 1935 bei Walsrode zur letzten Ruhe zu betten.


Ob es sich aber tatsächlich um die Überreste des Hermann Löns handelt, ist fraglich. Doch auch wenn es sich um seine Gebeine handelte, spiegelte die Tortur nach seinem Tode die Ruhelosigkeit seines Lebens wider.